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Methodologie: Dialogische Introspektion
in der Gruppe

Thomas Burkart

Die Basis der dialogischen Introspektion ist eine Alltagstechnik. Menschen beobachten manchmal ihr Erleben, setzen sich damit schriftlich auseinander, indem sie z. B. Tagebuch schreiben. Sie teilen anderen von ihrer inneren Welt mit, von ähnlichen oder verschiedenen inneren Erfahrungen. Die Methode der dialogischen Introspektion wurde in Abgrenzung und Weiterentwicklung zur Alltagsintrospektion entwickelt, die zumeist selektiv und unsystematisch eingesetzt wird, oft wertend und einseitig. Methodologische Kennzeichen der dialogischen Introspektion sind eine heuristische Basismethodologie, die systematische und variierte Dokumentation des Erlebens, die Trennung von Selbstbeobachtung und Analyse, eine Verschränkung von Selbst- und Fremddialog und die Förderung günstiger Gruppenbedingungen.

Heuristische Basismethodologie

Im Unterschied zur spontanen und unsystematischen Alltagsintrospektion basiert die dialogische Introspektion auf einem systematischen, regelbasierten Vorgehen. Ihre Basismethodologie ist heuristisch (vgl. Kleining 1995a, 1995b). Kennzeichen sind

  • eine Offenheit der Forschungsperson, die Bereitschaft, falls nötig, ihr Vorverständnis zu verändern;
  • die Offenheit des Forschungsgegenstandes zu Beginn der Forschung, da Neues entdeckt werden soll;
  • die maximale strukturelle Variation der Perspektiven, d.h. die Betrachtung des vorläufigen Gegenstandes von möglichst unterschiedlichen Positionen aus;
  • die Analyse der Daten auf Gemeinsamkeiten, um eine Struktur zu erkennen, in der alle Befunde enthalten sind;
  • das Dialogprinzip, das beinhaltet, dass der Forschungsprozess durch Fragen an den Gegenstand in Bewegung gesetzt wird, auf die er antwortet, was zu neuen Fragen führt.
  • Basismethoden sind Beobachtung und Experiment.

Systematische und variierte Dokumentation

Um wissenschaftlich erforscht werden zu können, müssen die zunächst nur innerlich und flüchtig vorhandenen Selbstbeobachtungen veräußerlicht und dokumentiert werden. Für diese Transformation können folgende bereits in der Alltagsintrospektion vorhandene Dokumentationsformen genutzt werden:

  • Verbalisierung durch direkte Mitteilung an andere,
  • Verschriftung,
  • Umsetzung der Erlebnisinhalte in nicht-sprachliche Artefakte (wie z.B. Gegenstände, Bilder, Klänge) – eine Dokumentationsform, die bei der Erforschung emotionalen Erlebens, dessen differenzierte sprachliche Darstellung schwierig ist, von Bedeutung sein könnte.

Außerdem kann mit Tonbandaufnahmen des Introspektionsberichts gearbeitet werden, die anschließend als Voraussetzung für die Analyse transkribiert wurden. Eine Dokumentation, die Inneres in Äußeres transformiert, ist wegen der Flüchtigkeit, Vielfalt und nicht selten Widersprüchlichkeit der inneren Erfahrung eine zumeist unvollständige und nicht selten perspektivische, einseitige Darstellung des beobachteten Erlebens. Deshalb wird die Dokumentationsform in der dialogischen Introspektion anders als im Alltag variiert.

Die technische Ausgestaltung dieser variierten Dokumentation sollte dem jeweiligen introspektiven Gegenstand angepasst sein, ihn beispielsweise nicht stören oder gar zum Verschwinden bringen. So wurde beispielsweise bei längeren Rezeptionsexperimenten während der Rezeption nur mit stichpunktartigen Introspektionsnotizen gearbeitet, die als Gedächtnisstütze eines im Anschluss an die Rezeption erstellten ausführlichen Protokolls des Rezeptionsserlebens genutzt werden konnten.

Trennung von Selbstbeobachtung und Analyse

In der Alltagsintrospektion ist oft eine Vermengung von Selbstbeobachtung, Bewertung und Deutung zu finden. Um dies zu vermeiden, werden in der dialogischen Introspektion Selbstbeobachtung und Analyse strikt getrennt, wobei die Analyse immer mit verschrifteten Selbstbeobachtungen erfolgt.

Die oftmals zeitaufwendige Analyse wird jedoch nicht in der Gruppe, sondern individuell ausgeführt, um die Gefahr von Gruppenkonformität und vorschnellen, durch Zeitdruck beeinflussten Analysen auszuschließen.

Verschränkung von Selbst- und Fremddialog

In der dialogischen Introspektion wird eine Verschränkung von Einzel- und Gruppenarbeit hergestellt. Einerseits finden sich Selbstdialoge, in denen die Teilnehmer mit ihrem beobachteten Erleben und dem Versuch beschäftigt sind, es angemessen zu dokumentieren. Anderseits gibt es Fremddialoge, in denen der Einzelne das beobachtete Erleben der Gruppe mitteilt.

Diese Verschränkung erzeugt vielfältige Kontraste zwischen dem ursprünglichen Erleben und seinen Dokumentationen:

  • Im Selbstdialog kontrastiert das vom Einzelnen Erlebte mit seinen Notizen, seinen Mitteilungen darüber. Der Teilnehmer kann sich fragen, ob die Darstellung seiner Selbstbeobachtungen vollständig und zutreffend ist und sie, wenn nötig, ergänzen oder präzisieren.
  • In der Verschränkung von Selbst- und Fremddialog kontrastiert der Introspektionsbericht anderer mit der eigenen Erinnerung, vervollständigt, akzentuiert oder differenziert sie. Der Einzelne kann sich durch die Berichte anderer an Aspekte seines Erlebens erinnern, die er vergessen hatte oder für unwichtig oder zu schwierig für eine sprach liche Darstellung gehalten hat. Er kann auch dazu anregt werden, sein Erleben mit einer weiteren Perspektive zu betrachten und sich Auslöser oder Hintergründe vergegenwärtigen.

Diese Verschränkung führt zu vielfältigen Variationen. Neben der Variation der Selbstbeobachtenden wird eine Variation des Zeitabstands zum Erleben hergestellt, indem z. B. während des Erlebens, kurz danach und nach einiger Zeit Introspektion betrieben wird, womit eine Einheit von Intro- und Retrospektion erzeugt wird. Das Vorgehen erleichtert ferner die Variation der Vergegenständlichung, wenn die Selbstbeobachtungen zunächst stichpunktartig und dann ausführlicher notiert und schließlich der Gruppe mitgeteilt werden. Diese Variation der Dokumentation kann zugleich eine Variation der Sichtweise des Erlebens beinhalten.

Die Methodik der dialogischen Introspektion ermöglicht außerdem eine Variation der Forschungsmethode, da die Teilnehmer während des Experiments auch von außen (z. B. durch den Versuchsleiter) beobachtet werden können. Damit können die gewonnenen introspektiven Daten durch Fremdbeobachtungen ergänzt werden, was wie bei einem Teil unserer Experimente zu wesentlichen Erkenntnissen führen kann.

Förderung günstiger Gruppenbedingungen

Um Beeinflussungssprozesse einzuschränken, die ein Risiko der Verwendung von Gruppen als Forschungsinstrument darstellen, und um Offenheit zu erleichtern, müssen in Introspektionsgruppen bestimmte Gruppenmerkmale gefördert werden.

Nicht erwünscht sind Kritik oder abwertende Kommentare, die die Bereitschaft des Einzelnen, offen von seinem Erleben zu berichten, herabsetzen und destruktive gruppendynamische Prozesse in Gang setzen können, was aus therapeutischen Gruppen bekannt ist (vgl. Fiedler 1996, Kap. 8). Stattdessen sollte ein respektvoller, interessierter Umgang mit den Introspektionsberichten der anderen Gruppenmitglieder gefördert werden.

Es sollte ferner Freiheit für den Umfang des Introspektionsberichts bestehen. Jeder Teilnehmer ist frei, das von seinem beobachteten Erleben der Gruppe mitzuteilen, was er möchte, im Extremfall auch gar nichts.

Außerdem sollte die Introspektionsgruppe so wenig wie möglich einen hierarchischen Charakter haben, um eine Beeinflussung der Introspektionsberichte durch Machtverhältnisse zu verhindern. Bei stark hierarchischen Gruppen besteht die Gefahr, dass die Befunde weniger den Gegenstand als die Gruppenstruktur spiegeln. Zur Hierarchieabschwächung trägt bei, dass alle Gruppenmitglieder ohne Unterbrechung oder Nachfragen Raum für ihren Introspektionsbericht haben.

Darüber hinaus wurde in unseren Untersuchungen deutlich, dass ein Leistungscharakter in der Introspektionsgruppe vermieden und außerdem Minderheitenerfahrungen gestärkt werden sollten. Es soll unter den Teilnehmern nicht um die Introspektion des "richtigen" oder "interessantesten" Erlebens rivalisiert werden, das es natürlich gar nicht gibt. Wichtig ist vielmehr ein Gruppenklima, in dem die Forschungspersonen ihr Erleben introspektieren und dann davon berichten können, auch wenn es grundverschieden vom Erleben der anderen in der Gruppe ist.

Dass durch eine Leistungssituation Konformitätsprozesse in Gruppen begünstigt werden können, lassen auch sozialpsychologischen Untersuchungen in der Tradition Sherifs und Asch´s erkennen (vgl. Avermaet 1996). In vielen dieser Untersuchungen, z.B. zum autokinetischen Effekt oder zur visuellen Diskrimination, wurde eine Leistungssituation erzeugt, in der es um richtige oder falsche Urteile zu gehen schien – die Länge von Linien im Vergleich zu einer Referenzlinie oder das Ausmaß einer Lichtbewegung eines tatsächlich stationären Lichtpunkts zu beurteilen. Die Folge waren leicht beeinflussbare Einschätzungen.

Zur praktischen Förderung der skizzierten Gruppenbedingungen kann ein Versuchsleiter beitragen, der am Anfang bestimmte Gruppenregeln einführt – wie ein Verbot von Kritik und von Nachfragen während des Introspektionsberichts – und im weiteren Verlauf auf die Einhaltung dieser Regeln achtet. Zur Vermeidung von Leistungscharakter und zur Stärkung von Minderheiten ist es nützlich, wenn der Versuchsleiter zu Beginn darauf hinweist, dass es keine richtigen oder falschen Selbstbeobachtungen gibt und dass gerade auch andersartige Introspektionen wichtig sind.

Die Gruppenverwendung in der dialogischen Introspektion unterscheidet sich grundsätzlich von der Gruppendiskussion (Focus Group) – einer Forschungsmethode, in der Gruppen ebenfalls als Erkenntnismittel eingesetzt werden (vgl. Lamnek 1989, Kap. 4; Kleining 1999, S. 165ff.). Im Unterschied zur Gruppendiskussion sind Diskussionsprozesse und die Stimulation einer Gruppendynamik nicht erwünscht, da es in der dialogischen Introspektion nicht um die Erhebung einer Gruppenmeinung, einer Gruppendynamik oder eines Gruppenerlebens, sondern um das Erfassen von individuellen Introspektionen geht. Die wesentliche Funktion der Gruppe besteht lediglich darin, die individuelle Introspektion zu erleichtern, indem der Einzelne durch die Gruppe dazu angeregt wird, die Vollständigkeit und Richtigkeit seiner eigenen Selbstbeobachtungen zu prüfen.

Vorteile von Introspektion in der Gruppe

Gegenüber introspektiven Einpersonenuntersuchungen hat die Ausführung in der Gruppe eine Reihe von Vorteilen.

Sie ermöglicht eine ökonomische Datenerhebung mit intra- und interindividuellen Variationen, da in der Gruppe nicht nur mit mehreren Selbstbeobachtenden gearbeitet wird, sondern auch verschiedene Dokumentationen des Erlebens des einzelnen Teilnehmers entstehen.

Die Gruppendurchführung führt zu einer erweiterten dialogischen Abfolge, bei der nicht nur mit Selbstdialogen, sondern auch mit einer Verschränkung von Selbst- und Fremddialog gearbeitet wird und damit psychische mit sozialen Vorgängen verbunden werden.

Die Vervollständigung und Differenzierung von introspektiven Daten wird vereinfacht, weil in der Gruppensituation ein relativ verbindlicher sozialer dialogischer Rahmen erzeugt wird, der stabiler ist, als in der Einzelsituation, in der das Risiko von Ablenkung und Abbruch viel höher ist.

Mit der Gruppenausführung wird das Erkennen von Intersubjektivität im Forschungsprozess gefördert, da maximal strukturell variierte Daten erhoben werden, die dann auf Gemeinsamkeit analysiert werden. Um den Gültigkeitsbereich der erkannten Strukturen zu ermitteln, kann eine Wiederholung der Untersuchung mit einer anderen Gruppe, die sich in wesentlichen Merkmalen von der Ausgangsgruppe unterscheidet (z.B. andere Schichtzugehörigkeit) durchgeführt werden.

Zusammengefasst wird die Gruppe als ein Mittel zur Verwissenschaftlichung von Introspektion gesehen.

Literatur

Von Avermaet, E. (1996). Sozialer Einfluss in Kleingruppen. In W. Stroebe, M. Hewstone & G. M. Stephenson (Hrsg.). Sozialpsychologie (S. 503-543). Berlin: Springer.

Fiedler, P. (1996). Verhaltenstherapie in und mit Gruppen. Psychologische Psychotherapie in der Praxis. München, Weinheim: Psychologie-Verlags-Union.

Kleining, G. (1994). Qualitativ-heuristische Sozialforschung. Schriften zur Theorie und Praxis. Hamburg: Fechner.

Kleining, G. (1995). Lehrbuch Entdeckende Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Kleining, G. (1999). Qualitative Sozialforschung. Teil II: Der Forschungsprozess. Hagen: Fernuniversität Gesmthochschule.

Lamnek, S. (1989). Qualitative Sozialforschung. Band 2: Methoden und Techniken. München: Psychologie Verlags Union.

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